jüdische Geschichte

Im Mittelalter lag im Bereich der heutigen Rebentalstraße und an der Kanzleistraße das jüdische Viertel. Bereits 1329 wird eine jüdische Gemeinde erwähnt. Die genaue Lage der mittelalterlichen Synagoge ist unklar. Im 16. Jahrhundert wurde nach alten Unterlagen der Standort mit „Kanzleistraße 2“ angegeben. Während des Pestpogroms kam es in Reutlingen im Jahr 1348 zur Verfolgung jüdischer Bürger, ihnen wurde vorgeworfen, sie hätten unter anderem Brunnen vergiftet und damit die damals verheerende Pestwelle ausgelöst. Etwa 20 Jahre nach diesem Pogrom ließen sich wieder jüdische Bürger in Reutlingen nieder. Wie das Verhältnis damals zur christlichen Stadtbevölkerung war, ist unbekannt. Im Jahr 1424 wird die Judengasse in der Nähe des Marktplatzes erwähnt. Im Jahr 1495 kam es - mit Erlaubnis des damaligen Deutschen Kaisers Maximilian I - zur endgültigen Ausweisung aller jüdischen Bürger aus der Stadt. Nach dieser Vertreibung lebten über 350 Jahre lang keine Juden dauerhaft in der Stadt. Zwar gab es weiterhin Kontakte, etwa durch Handel mit auswärtigen jüdischen Kaufleuten, doch ihr Aufenthalt war stark beschränkt und oft mit Abgaben verbunden. Mit der Einführung der Gewerbefreiheit in Württemberg durften sich ab 1862 wieder jüdische Familien ansiedeln. Diese neue Gemeinde blieb relativ klein, war aber wirtschaftlich und gesellschaftlich durchaus bedeutsam: Viele Juden arbeiteten als Kaufleute, Händler oder Unternehmer und gehörten teilweise zur städtischen Oberschicht. Um 1910 lebten etwa 70–80 jüdische Menschen in Reutlingen. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde diese Entwicklung gewaltsam zerstört. Jüdische Bürger wurden ausgegrenzt, ihre Geschäfte boykottiert und später „arisiert“. Viele mussten emigrieren, andere wurden deportiert und ermordet. Insgesamt wurden 50 bis 70 Menschen jüdischen Glaubens in Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt, nur wenige überlebten. Spätestens 1942 gab es kein jüdisches Leben mehr in der Stadt. Erst Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg begann sich wieder eine jüdische Gemeinschaft zu bilden. Seit den 1990er-Jahren zogen vor allem jüdische Einwanderer aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Reutlingen. 2003 wurde schließlich ein Gemeindezentrum mit Betsaal eröffnet, das als religiöser und kultureller Mittelpunkt dient.
Die Pestwelle von 1348/1349 war Teil der sogenannten „Schwarzen Pest“, die sich von Asien über Handelswege nach Europa ausbreitete. Verursacht wurde sie durch das Bakterium Yersinia pestis, das vor allem durch Flöhe auf Ratten übertragen wurde. Über Schiffe gelangte die Krankheit zunächst in Mittelmeerhäfen und verbreitete sich anschließend entlang von Handelsrouten immer weiter ins Landesinnere, auch nach Deutschland. Schlechte hygienische Bedingungen und die enge Besiedlung vieler Städte begünstigten die schnelle Ausbreitung, sodass sich die Seuche innerhalb kurzer Zeit über große Teile Europas ausdehnte.